Nicht „haben“, sondern „sein“

Liebe Schwestern und Brüder,

was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Haben Sie sich diese Frage schon mal gestellt? Passt sie überhaupt noch in unsere Zeit? Wenn man Meinungsforschern glauben darf, kommt sie zumindest in der Öffentlichkeit so nicht vor. Im persönlichen Bereich wird es anders sein. Im Markusevangelium (10,17-30) geht ein wohlhabender Mann tatsächlich auf Jesus zu und fragt ihn: „Was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“

Die Antwort Jesu ist erschreckend: „Geh, verkaufe alles, was du hast und gib das Geld den Armen“ (Mk 10,21). Wer macht das? Auch dieser Mann macht es nicht. Er geht weg – er hatte ein großes Vermögen (Mk 10,22).

Ob Jesus weiß, was er abverlangt? Soll diesem Mann alle Sicherheit genommen werden? Nur zu verständlich, dass er sich abwendet. Wer aber Jesus kennt, weiß, dass er keinem die Sicherheit nehmen möchte, Jesus will vielmehr eine neue schenken. Auch Jesus lebt nicht ohne Sicherheit, nur stellt sich diese ihm anders dar. Seine Sicherheit ist aufs engste verbunden mit einer Geborgenheit in Gott. Weil Jesus von dieser außergewöhnlichen Geborgenheit weiß, deswegen ist er ein glücklicher Mensch – auch ohne Geld. Er ist ganz frei, ganz er selbst.

Nicht „haben“ – sondern „sein“ lautet die Botschaft Jesu. Das „Haben“ könnte aufgegeben werden. Doch wer kann das?

Die Bibel spricht von zwei unterschiedlichen Wegen. Wenn der Mensch nun mal Reichtümer besitzt und bereit ist, diese abzugeben, dann stellt sich schon die Frage, was man dafür bekommt. Selbst der Apostel Petrus macht das: „Du weißt, Herr, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Was werden wir dafür bekommen?“ Und die Antwort Jesu: „Jeder, der um meines Namens willen Häuser oder Bruder, Schwestern, Vater Mutter, Kinder oder Äcker verlassen hat, wird dafür das Hundertfache erhalten und das ewige Leben gewinnen (Mt 19,27-29). Jesus spricht hier von einem neuen Reichtum, den nur derjenige nachvollziehen kann, der auch etwas von einem Leben danach versteht, von der Ewigkeit, vom Himmel.

Der andere Weg ist vielleicht ein Stück gangbarer, und doch wiederum schwer gerade in jenen Zeiten, wo Spekulieren an der Börse zu einem Volkssport wird. Aber dieser Weg könnte hilfreich sein. Der Apostel Paulus spricht vom Reich Gottes mit folgen Worten: Man solle „haben, als hätte man nicht“ (1 Kor 7,30 f.). Sind solche Gedanken zu vermitteln? Helfen kann uns da eine kleine Geschichte:

Ein weiser Mann hatte nach mühsamer Wanderung den Dorfrand erreicht und ließ sich unter einem Baum nieder, um dort die Nacht zu verbringen. Da kam ein Dorfbewohner angerannt: „Gib mir den Stein. Gib mir den kostbaren Stein!“ – „Welchen Stein?“ fragte der Weise. „Letzte Nacht hatte ich einen Traum“, sagte der Dorfbewohner, „bei Einbruch der Dunkelheit werde ich am Dorfrand auf einen Weisen treffen, der mir einen kostbaren Stein geben würde, so dass ich für immer reich wäre.“

Der Weise durchwühlte seinen Rucksack und zog einen Stein heraus. „Wahrscheinlich geht es um diesen hier“, sagte er und gab dem Mann den Stein. „Ich fand ihn vor wenigen Tagen auf einem Waldweg. Er scheint dir bestimmt zu sein, so sollst du ihn nun haben.“ Staunend betrachtete der Mann den Stein. Es war ein Diamant, ein ungeheuer großer und kostbarer Diamant. Er nahm ihn und ging heim.

Die ganze Nacht wälzte sich der Mann in seinem Bett, er konnte nicht schlafen. Am nächsten Morgen stand er auf, nahm den Stein und brachte ihn zum Weisen zurück: „Nimm den Stein wieder an dich. Aber bitte, gib mir stattdessen den kostbaren Reichtum, der es dir ermöglichte, mir zuvor diesen Stein so leichten Herzens zu geben.“

Was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Lassen wir diese Frage auch heute an uns heran, verdrängen sie nicht. Diese Frage darf unser ganzes Leben prägen. Die Antwort wird jener Weg sein, den wir bereit sind zu gehen.

Pfarrer Wolfgang Guttmann