Was sollen wir tun?

Liebe Schwestern und Brüder,

was stellen Sie sich eigentlich unter einem Bußprediger in der Wüste vor – so wie Johannes einer war? Einmal vielleicht mit einer asketische Lebensweise mit kratziger Kamelhaardecke und Heuschrecken als Nahrungsmittel? Na klar, das betrifft seine persönliche Lebensweise.

Aber die Betonung liegt ja hier auf Bußprediger, also jemanden der uns ins Gewissen reden möchte, der uns unsere Fehler aufzeigt, der uns sagen kann, wo es lang geht in unserem Leben. Ich stelle mir so einen Prediger vor mit lauter Donnerstimme, guter rhetorischer Eloquenz und drohenden Gebärden, der uns bis ins Mark trifft. Manchmal braucht es eben eine etwas lautere Stimme, wenn unser Leben eine Neuorientierung benötigt. Ich kenne das aus der Zeit, als meine Kinder noch zuhause waren und ab und zu eine Neuorientierung angesagt war.

Und deshalb stelle ich sie mir auch so vor, die Predigt des Johannes in der Wüste. So – und nicht wie sie uns eben von Lukas im Evangelium geschildert wurde. Sie erinnern sich? Wenn wir die Worte des Evangeliums ein wenig entstauben, dann soll Johannes denen, die zu ihm kamen, doch tatsächlich gesagt haben: „Wenn einer hungert, dann gib ihm ‚was, sofern Du selbst genug zu essen hast. Und wenn Du von irgendeinem Teil eines zu viel hast, dann gib es jemandem, der es wirklich braucht. Und wenn du Zöllner, Steuereintreiber, bist, dann verlang nicht mehr, als eben festgesetzt ist. Und als Soldat sollst Du halt niemanden misshandeln und nicht mehr fordern, als Dir eigentlich auch zusteht!“

Das soll Johannes den Menschen damals gesagt haben. Ich gestehe, ich musste es selbst zweimal durchlesen, weil ich kaum glauben konnte, was ich da las. Das ist weder radikal, noch ist es auch nur im Geringsten etwas Besonderes. Der große Umkehrprediger Johannes verlangt im Evangelium, das Lukas überliefert, von den Menschen absolut nichts anderes als das, was man mit dem schönen Satz zusammenfassen kann: Macht eben, was recht ist! Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Entweder stimmt alles, was ich an Vorstellungen mit diesem Johannes dem Täufer verbinde, absolut nicht oder Lukas verfolgt mit dieser Darstellung ein ganz eigenes Ziel. Es mutet mir fast so an, als bemüht sich Lukas hier richtiggehend, seinen Lesern bereits ganz am Anfang seines Evangeliums überdeutlich zu machen: Beim Christentum, von dem hier berichtet wird, da geht es absolut nicht um heroische Leistungen, oder um aufsehenerregende Askese, und es geht schon gar nicht um einen Rückzug aus dem Leben oder einen Ausstieg aus der Welt.

Christsein, das heißt vielmehr zunächst einmal nichts anderes als an dem Ort, an den ich hingestellt bin, mitten in der Welt, mitten im Leben, genau das zu tun, was eben recht ist.
Wenn Menschen heute immer wieder fragen, was einen Christen denn letztlich auszeichnet, was eigentlich „christlich“, ein „guter Christ“ ist, dann lässt uns Lukas durch den Mund des Johannes hier ausrichten, dass ein Christ zu sein zunächst einmal nichts anderes bedeutet, als ein rechter Mensch zu sein, einer, der sich darum müht, dass niemand übers Ohr gehauen wird, dass keiner unnötig leiden muss, und jedem das zukommt, was er zum Leben braucht; kurz: einer, der sich dort, wo er steht, darum müht, dass das Leben an diesem Ort ein wenig menschlicher wird. Also schlicht: ein guter / rechter Mensch zu sein.

Ein zweiter Punkt ist aber bei diesem Johannes auch sehr wichtig; deswe-gen kamen so viele Leute ja zu ihm und stellten ihm genau diese Fragen: Seine Reden, sein Handeln war beispielhaft. Er überzeugte damit die Menschen so, dass sie wirkliche Neuorientierung erfuhren, und es dabei keiner lauten Stimme bedurfte. Er war sozusagen das Licht, das den Weg Christi vorzeichnete.

Für uns bedeutet das, unser Christsein so zu leben, dass andere sich eine Scheibe davon abschneiden können, dass wir unser Christsein nicht ver-stecken, sondern offen und ehrlich danach leben!

Vielleicht sind es genau diese beiden Punkte, um die es Gott im Grunde geht. Gott erwartet von uns Menschen zuallererst gar keine großen christlichen Heldentaten, sondern er will am Ende nichts anderes als wirklich gute Menschen, die beispielhaft leben!

Warum ist aber genau diese Stelle als Lesung für den heutigen Sonntag „Gaudete“ vorgeschlagen? Ich glaube, dass Johannes, der Täufer, genau den Kern unserer Freude zu Weihnachten trifft: kein weltlicher König, kein großer Politiker soll für unseren Seelenfrieden erwartet werden, sondern einer von uns, ein Kind sogar, das uns klar machen wird, was zum rechten Menschsein nötig ist. Der mit uns unser Leben teilt, der unsere verkrusteten Lebensstile aufbricht und erneuert, der uns keinen weltlichen Reichtum, sondern inneren Frieden gibt.

Gerade in der heutigen Zeit der Workoholics, der ausgebrannten Men-schen, der vom Krieg gezeichneten Menschen und Flüchtlinge können wir einen solchen Trost, einen solch menschlichen Gott bei uns und in uns sehr gut gebrauchen. Ein wahrer Grund zur Freude!

Gott wird Mensch, damit wir wirklich zu Menschen werden, menschlich werden; oder wie Lukas den Johannes sagen lässt: Damit wir wirklich da-mit anfangen, zuallererst das zu tun, was eben recht ist – und damit Bei-spiel geben und andere ein wenig anstecken! Amen.

Dr. Christoph Balbach